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Durchgehend im Ausnahmezustand

Du musst das Kleingedruckte lesen! Pass blos auf! Soll ich den Telefonabieter wechseln und für welchen entscheide ich mich? Alle sagen; wechsele! Wärend dem ich noch über dem Kleingedruckte sitze, und nur mit Mühe das alles durchlese, kommen mir schon die nächsten Gedanken und Fragen. Bin ich beim richtigen Gasanbieter? Mein Handy Klingelton nervt und muss mich unbedingt für einen anderen entscheiden. Welche Rentenkasse lässt mich nicht im Regen stehen? Oh, und wie steht es um den nächsten Meteoriteneinschlag?  Webseite auf Webseite wird geöffnet um mich schlauer zu machen. Innerhalb von Minuten werde ich mit hunderten von Links und Anzeigen konfrontiert.

Rückblick

Ich drehe die Zeit 40 Jahre zurück. Es gab in unserem Haus nur 1 Telefon. Dieses wurde nur in Ausnahmefällen benutzt. Man hatte ja sonst auch keinen Grund es zu benutzen. Denn, wen sollte man anrufen und gab es irgend etwas Wichtiges was ich demjenigen am anderen Ende der Leitung zu sagen hatte? Wenn unser Telefon denn klingelte, so war es mit Sicherheit wichtig und das ganze Haus war in Aufruhr. Damals war das Leben einfach gestrickt. Man hatte den Überblick und man konnte in etwa einschätzen was einen am nächsten Tag erwartete. Es war Raum vorhanden der nur darauf wartete von unserer Vorstellungskraft gefüllt zu werden.

Entscheide dich

Jeder von uns steht heute jeden Tag vor der Herrausvorderung sich entscheiden zu müssen. Ich betone "müssen". Features, Opportunities, Gelegenheiten, Möglichleiten, Neues, Multitasking, ... Du hast hundert tausend Gelegenheiten die du, so wird es uns überall eingetrichtert, ergreifen sollst. Entscheide dich für dieses und jenes, und entscheide dich für das Richtige. Wer sich nicht entscheidet hat schon verloren.

"Where do you want to go today?" So die Frage von Microsoft.

Mutitasking

James A. Normal fuhr mit seinem BMW südlich von London, Tempo 198,5 kmh, durch eine Autobahnbaustelle wärend er sich mit seiner Frau am Handy darüber einigte, um wieviel Uhr sie die Nachbarn zum Essen am nächsten Tag einladen sollten. James A. Normal, ganz verwundert, wurde 25 Kilometer danach von der Polizei gestoppt und darauf aufmerksam gemacht, dass an dieser Autobahnbaustelle nur Tempo 50 kmh erlaubt sei.

Multitasking, ein Begriff aus der Microelektronik der die Fähigkeit umschreibt mehrere Daten gleichzeitig verarbeiten zu können, ist heute, bedauerlicherweise, in Bewerbungsgesprächen ein Thema. Es reicht nicht nur aus mehrere Problem nacheinander lösen zu können sondern es wird verlangt an mehreren Problemen gleichzeitig arbeiten zu können.

Neuroscience is confirming what we all suspect: Multitasking is dumbing us down and driving us crazy.
Walter Kirn

Evolution

Evolution ist der Mechanismus der Lebewesen durch Selektion und Mutation an die Umwelt anpasst. Dieser Prozess ist langsam und zeigt wesentliche Änderungen erst nach vielen Generationen. Man kann davon ausgehen, dass der Mensch sich biologisch kaum in den letzten 20000 Jahren verändert hat. D.h. die kognitiven Fähigkeiten die es erlaubten die Herausvorderungen aus früheren Zeiten zu meistern sind heute die Gleichen. Oder anders ausgedrückt; Die biologische Ausstattung, oder man könnte auch sagen biologische (neurologische) Werkzeuge sind heute die gleichen wie damals.

Die Fähigkeiten sich auf einem kleinem Stück Wüstenboden zurecht zu finden, Freund von Feind zu unterscheiden, sich Nahrung zu besorgen und den Nachwuchs sicher durch die Jahreszeiten zu bringen, muss heute ausreichen, um in einer globalisierten Welt mit ihrer Unmenge an Informationsflut zurecht zu kommen.

Datenselektion

Die Fähigkeit Wesentliches von Unwesentlichem trennen zu können ist ausschlaggebend für das Überleben. Wer über die Strasse geht und sich, statt für die nahenden Autos, mehr für die Beschaffenheit des Strassenbelages interessiert wird kaum die Gelegenheit haben den nächsten Tag zu erleben.

Die Aufnahmefähigkeit von Informationsmengen ist begrentzt und es bleibt uns nichts anderes übrig als selektiv vor zu gehen. Die Aufmersamkeit die Früher ausreichte um Bücher vom Umfang von Dostoievski's "Schuld und Sühne" lesen zu können, muss heute dafür ausreichen um Textfragmente die verstreut in der Unendlichkeit des Google Indexes liegen in einen vernünftigen Zusammenhang zu bringen. Es bleibt immer weniger Zeit, und die Fähigkeit sich konzentrieren zu können reicht kaum aus, um längere Textpassagen lesen und verstehen zu können. Es blitzt, blinkt und flackert überall und nur desshalb um unsere Aufmerksamkeit zu erwecken.

Information und das Medium

Wer Leute fragt, den Inhalt zu resumieren den sie denn in der letzten halben Stunde am Fernsehn verfolgten, der wird erstaunt sein wie lückenhaft das Wiedergegebene ist. Wird der selbe Test mit dem Medium Radio durchgeführt so wird dieser mit Sicherheit anders ausfallen. Information die über das Ohr aufgenommen wird, wird ganz anders bearbeitet als das mit dem Auge der Fall ist.

Visuelle aufbereitete Infomation ist mit viel Rauschen vermischt. Rauschen bedeutet, Inhalt der mir der eigentlichen zu transportierenden Information nichts zu tun hat. Dennoch verlangt dieses Rauschen unsere Aufmerksamkeit.  Um den eigentlichen Informationsinhalt aufnehmen zu können muss das Rauschen ausgefiltert werden. Und dieses verlangt Energie um die nötige Konzentration aufbringen zu können. Der Ablenkungs- oder Abschweifungs-faktor ist grösser als bei Information die ausschliesslich über das Ohr aufgenommen wird.

The medium is the message

Ein Ausdruck der von Marshall McLuhan geprägt wurde und beschreibt dass das Medium selbst die Botschaft ist. Das Medium hat einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung einer Gesellschaft. Und das nicht nur durch die Information die es transportiert sondern durch die Charakteristik des Mediums selbst.

Ausnahmezustand

Wir stehen Heute in permanentem Ausnahmezustand. Es fällt einem immer schwerer sich noch auf das Wesentliche zu konzentrieren. Der Adrenalinspiegel liegt konstant hoch. Wer diese Belastung nicht in den Griff bekommt wird aufs Abstellgleis befördert und irgendwann als depressiv diagnostiziert.

Where do you want to go today?

Away. Just away. Someplace where i can think.

So die Antwort von Walter Kirn in seinem Artikel "The Autumn of the Multitaskers" erschienen im Magazin "The Atlantic".

Lesenswertes

Aktualisierungsdatum: 21. Juli 2008.

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